Aus der Broschüre: Mürlenbach in Vergangenheit und Gegenwart

Das Pfarrhaus,
ein Beispiel ehemaliger Pfarrhöfe

"Wer die Kirche im Dorf lassen will, sollte das Pfarrhaus nicht vergessen."

Die Zeiten, in denen jedes Dorf wie selbstverständlich seinen eigenen Pfarrer hatte, sind vorbei: Pfarrverbände treten an die Stelle der einstigen wohl über schaubaren kleinen Gemeinden. Das ist eine Folge des allseits bekannten Priestermangels. Folglich betreut ein Pastor heute oft mehrere selbständige Pfarreien.

Daß er dabei mehrere Gotteshäuser nutzt, wird noch als “normal” angesehen. Insoweit kommt die Kirche (als Amtskirche) in Gestalt des Geistlichen also doch zu den Gläubigen.
Dieser Tatbestand widerlegt zumindest teilweise den nicht selten gehörten Vorwurf, die Kirche lasse die Gläubigen allein. Ein Vorwurf, der sich unter anderem auch auf die “Versorgung”, das Gefühl des Betreutseins, das nicht erfüllte Bedürfnis nach priesterlicher Nähe, bezieht.
Bei solcher Praxis erscheint es selbstverständlich, die Sakralbauten im Interesse gottesdienstlicher Nutzung in baulich gutem Zustand zu halten.

Wenn auch die Meßfeiern und Andachten längst nicht mehr so stark besucht werden wie vor Jahren, solange sich die Gemeinde im Gebet zusammenfindet (wo zwei oder drei in meinem Namen beisammen sind ...) tritt die Erhaltung im Interesse der Tradierung bau- und kulturhistorischer Zeugnisse demgegenüber in den Hintergrund.

Was aber soll mit den kirchlichen Profanbauten geschehen, z. B. den Pfarrhäusern, die mit der einstigen Pfarrstelle verwaist sind und oft über Jahre leerstehen? Wie die Kirchen sind sie wesentlicher Bestandteil der kulturhistorischen Dorfkernbereiche. Ungenutzt unterliegen sie schleichend sicherem Verfall.
Zum Verkauf wird sich, so ist zu hoffen, kaum eine Gemeinde entschließen geschweige denn die kirchliche Oberbehörde. Und das ist gut so!

Eigentum verpflichtet, und sei es nur zur Erhaltung des Bestandes! (Ganz sicher geht die Verpflichtung tiefer!) Erhaltung kostet Geld. Wo es fehlt, ist guter Rat teuer.

Wie mancher Privatmann mitunter gezwungen ist, im Interesse der Rettung eines Vermögenswertes sich von anderen zu trennen oder die Nutzung zu ändern, müssen auch Gemeinden da und dort zu solchen Maßnahmen greifen.

Pfarrhaus 0001Vorderansicht PfarrhausGeschieht das, so muß man jedoch erwarten, daß aus der Umschichtung bzw. Änderung Nutzen erwächst. Nutzen für die Gemeinde, deren Leben sich eben nicht in gottesdienstlicher Gemeinschaft erschöpft, wenngleich dort ihr zentraler Kern liegt.

Lebendige Gemeinde heißt Austausch!

Dazu bedarf es der Begegnung. Zur Begegnung gehört Zeit. Menschen, die miteinander Zeit verbringen wollen, brauchen einen ansprechenden Raum, den sie gerne aufsuchen.
So gesehen spricht nichts gegen eine Nutzungsänderung der verwaisten Pfarrhäuser: Vieles spricht dafür!

In Mürlenbach entschloß man sich zu einer solchen Nutzungsänderung. Das hiesige Pfarrhaus ist in der Gesamtanlage das Musterbeipiel eines ehemaligen Pfarrhofes bestehend aus Pfarrhaus, Stallgebäude bzw. Remise und Garten. Dabei ist die Trennung von Wohngebäude und Stall ein Merkmal, das den Pfarrhof von den in unserem Raume üblichen alten landwirtschaftlichen Anwesen unterscheidet. - Das sogenannte Trierer Haus birgt Wohnhaus, Stall und Scheune unter einem durchlaufenden First, also unter einem Dach. Dabei liegen alle Eingänge auf der Traufseite.

Nicht so beim Pfarrhaus in Mürlenbach. Neben der erwähnten Aufteilung in zwei Gebäude, zwischen denen der ehemalige Hofraum liegt (heute Ziergarten), fällt dem Betrachter der giebelseitige Eingang auf, zu dem eine schmucke, nach oben sich verjüngende 15-stufige Treppe führt.

Der Bauherr setzte - wegen der unmittelbaren Nachbarschaft zum Braunebach - sehr bewußt einen über der Erde stehenden Keller und hob damit das erste Wohngeschoß auf Hochparterre, wie man heute sagen muß. Es folgen ein zweites Wohngeschoß und ein hoher Speicherraum.

Interessant auch der auf der rückseitigen Giebelwand hochgelegene Zugang zum Treppenhaus. Er wurde möglicherweise erst später durch Umgestaltung einer Fensteröffnung geschaffen. Das kam der heutigen Nutzung sehr entgegen, wie weiter unten gezeigt wird. - Türen und Fenster sind - ausgenommen der Haupteingang - teils als Rund - überwiegend aber als Stichbogenöffnungen gearbeitet und in rotem Sandstein gefaßt. Über dem kunstvollen, spätbarocken Haupteingang findet man eine Inschrift in den Stein gemeißelt, die uns den Namen des Bauherrn und das Baujahr überliefert.

Es steht dort zu lesen:
strUebar pastore Georglo thoMas ConfLUo beneDiCtino 1763
(struebar pastore Georgio Thomas Confluo benedictino).

Auffällig die Übergröße einiger Buchstaben! Natürlich haben sie ein Bedeutung. Sie stehen für römische Ziffern.
Addiert ergeben sie wiederum die Jahreszahl.
U = 5, I = 1, M = 1000, C = 100, L=50, U = 5, D = 500,I = 1, C = 100, I = 1, = 1763

Übersetzen darf man die Inschrift mit:
Ich wurde erbaut von Pastor Georg Thomas, Benediktiner aus Koblenz im Jahre 1763.

- Von der Höhe über dem mittleren Giebelfenster des zweiten Stockwerkes schaut ein rundes Gesicht aus rotem Sandstein auf den Eingang. Seine Bedeutung ist ungeklärt. Um die Reste einer Sonnenuhr kann es sich nicht handeln, da das Relief nordseitig liegt. Auf den unvoreingenommenen Betrachter wirkt es wie ein Mönchskopf, vielleicht ein Hinweis auf die Ordenszugehörigkeit des Bauherrn.

Faßt man die Gesamtanlage in den Blick, so kann man noch Hof (heute Ziergarten), Nutz- und Obstgarten deutlich erkennen. Das wird sich ändern, wenn die Kirchengemeinde sich gezwungen sehen sollte, Teile des Gartens an die Zivilgemeinde zu veräußern.

Das mit auffälligen Rundbogen gestaltete Stall- bzw. Remisengebäude verlangt auch dem  heutigen Betrachter noch Respekt ab.

Wozu solche “Großgarage”?
Hierzu muß man wissen, daß...
... zum Pfarrhof Landwirtschaft gehörte, wenn auch in bescheidenem Umfang und
... der damalige Pfarrer einen selbst für heutige Verhältnisse riesigen Pfarrbezirk zu versorgen hatte.

Fußläufig war das nicht zu bewältigen, zählten doch Mürlenbach, Birresborn und Rom, ein Teil Michelbachs, Lissingen und Hinterhausen zur Pfarrei. Erst 1788 fiel Hinterhausen an die Pfarrei Büdesheim, dafür kam Kopp zu Mürlenbach.

Filialkapellen standen in Birresborn, Lissingen und Hinterhausen. Daneben existierten Burgkapellen in Mürlenbach und deren zwei in Lissingen. Ohne “anspannen zu lassen” war dieser Bezirk nicht zu betreuen. Heute dient die ehemalige Stallung als Garage und Gerätehaus.

Das Pfarrhaus selbst stand nach dem Tode des letzten Mürlenbacher Pfarrers, Johannes Zick, seit 1985 leer. Nach vorherig langer Nutzung ohne grundlegende Investition drohte das Gebäude zu verkommen. Die Kirchengemeinde entschloß sich zu einer Renovierung mit dem Ziel einer späteren Doppelnutzung. Das erste Wohngeschoß sollte gemeindlichen Zwecken (Pfarrbüro, Bücherei, Tagungsraum), das zweite Obergeschoß Wohnzwecken dienen. Der oben erwähnte rückwärtige Eingang ermöglichte die Trennung beider Bereiche.

Obwohl sich nach Aufnahme der Arbeiten gravierende Schäden z. B. an der Balkendecke zeigten, deren Beseitigung mit weitaus höheren Kosten verbunden waren als veranschlagt, wurde das Vorhaben zu Ende geführt.

Für das zweite Obergeschoß war ein zuverlässiger Mieter rasch gefunden. Die unteren Räume werden heute wie geplant von der Pfarrgemeinde genutzt. Diese Nutzung im Interesse des Gemeindelebens zu intensivieren muß Ziel der weiteren Arbeit sein.

Das Pfarrhaus kann und soll auf diesem Wege mehr werden als ein bauhistorisches Kleinod im Dorf.
Wenn, wie von altersher, die Erstkommunikanten an ihrem Festtag in feierlicher Prozession vom alten Pfarrhaus zur Kirche geleitet werden, lebt eine wenig bedeutsame Tradition auf, über deren Sinn nachzudenken sich lohnt.

Dem Erbauer des Hauses, Pastor Georg Thomas, seien noch ein paar Sätze gewidmet. Er ging als “Schlechter Wirtschafter” in die Annalen ein. Hinterließ er doch 800 Reichstaler Schulden, die vom Kloster Prüm, von wo aus er auf die Pfarrstelle gelangt war, übernommen wurden, obwohl Thomas 400 Reichstaler, die ihm bei seinem Amtsantritt vom Kloster vorgeschossen worden waren, noch nicht zurückgezahlt hatte. Dafür erhielt das Kloster vom Bischof in Trier die Zehntrechte über einige Häuser in Birresborn zugesprochen. Das alles war gewiß für die “Erben” ärgerlich und lästig.
Dennoch, die zum Bau des Pfarrhauses verpflichteten Pfarrgenossen scheinen trotz der Baulast mit ihrem Pfarrer zufrieden gewesen zu sein.

Aus den Jahren seiner Tätigkeit werden keine Aufsässigkeiten gegen den Pastor berichtet, was nicht von allen Zeiten gesagt werden kann. Sollte das vielleicht daran liegen, daß der Pfarrer das ihm zustehende Drittel des Zehnt milde handhabte, obwohl oder gerade weil - die Baukosten drückten? So mußte schon 1787 das Strohdach des Pfarrhauses durch ein Schieferdach ersetzt werden, weil der bischöfliche Visitator dies aus Brandschutzgründen forderte. Auch das bedeutete Lasten für die Pfarrgenossen.

Sei's drum, Dank sei Pastor Thomas für den Wert, den er schuf, den zu erhalten wir uns verpflichtet fühlen müssen, wie es die Mürlenbacher just getan.

 

Herausgeber: Ortsgemeinde Mürlenbach 1997
Redaktion: Eifelverein OG Mürlenbach
Text: © Walter Kaulen